Geheimtipps im Piemont.
Wo schmeckt was am besten?Meine Adressen in Piemont.
Willi Klinger und Angelo Gaja.
Zu den schönsten Dingen meines Globetrotterdaseins zählen für mich die Aufenthalte in Barbaresco, dem verträumten 800 Seelen Dorf in den Langhe-Hügeln, wo seit 1859 das Gaja- Weingut steht. Bei Gaja wird tagsüber ordentlich gewerkt und mittags, wenn keine Gäste auszuführen sind, nur schnell ein Imbiss genommen: Dafür ist die Weinbar La Gibigianna im Haus mit der Sonnenuhr am Hauptplatz (Via Torino 26) die beste Option: Salumi, Käse und Salate, dazu glasweise dieWeine der Kollegen oder sogar gelegentlich ein Gaja - und dann ein guter Espresso...
Wenn ich Lust auf die besten handgeschnittenen Tagliolini, die legendären Tajarìn mit 17 Eigelb auf 1 Kilo Mehl oder die winzigen Ravioli del plin mit Butter und Salbei habe, gehe ich am liebsten in die Dorftrattoria Antica Torre, die gerade in ein neues, gemütliches Lokal neben dem großen Turm umgesiedelt wurde. Wenn auch der legendäre Tajarin-Meister Cinto vor kurzem gestorben ist, machen seine Töchter eine gute Mittagsgastronomie mit g’schmackigen Antipasti (meine Favoriten hier: Carne cruda, Vitello tonnato, insalata russa) und auch einer sehr guten „Gallina lessa“, gekochtem Huhn mit grobem Meersalz. Aber das um und auf ist die Pasta.
Gleich neben Gaja, im ersten Stock des Postamts, befindet sich mein Lieblingsrestaurant Antinè, wahrscheinlich eines der besten Lokale der Welt, was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft. Andrea Marino kocht leichte, großartig bodenständige Gerichte von schlichter Finesse. Den ersten Michelinstern haben wir voriges Jahr gehörig gefeiert. Seine Betty wieselt durch das etwas nüchterne, aber dennoch angenehme Wohnzimmer mit seinen fünf, sechs perfekt gedeckten Tischen. Ein Degustationsmenü kostet ca. 38 Euro, auch die Weinauswahl mit Schwerpunkt Barbaresco ist moderat kalkuliert.
Wenn ich mit meinem Kollegen Stefano aus Ferrara nach der Arbeit Lust auf Tapetenwechsel habe, machen wir uns auf die Suche nach neuen Geheimtips in den Langhe. Natürlich kennen und schätzen wir auch die bekannten Lokale à la Tornavento in Treiso (eben ganz toll umgebaut und eines der schönsten Panoramen der Langhe, tolle Weinkarte), Borgo Antico in Barolo (auch gerade in einen futuristischen Bau in den Weinbergen übersiedelt – sehr gute Küche!), oder Belvedere in La Morra (letzteres ist seit Jahrzehnten ein Musterbeispiel an Verlässlichkeit, außerdem die schönste Aussicht über das Barolo-Gebiet vom Platz vor dem Haus).
Zu diesem Kreis zählen das Gener Neuv in Asti, ein herrlicher Familienbetrieb im Sternebereich, der die großen, alten Piemontesen standesgemäß im Riedel Sommelier Burgund Grand Cru serviert. Oder das von unserem Hausarchitekten Giovanni Bo schon vor Jahrzehnten bewusst nüchtern gestylte Cascinale Nuovo in Isola d’Asti, mit kreativ-bodenständiger Küche auf Spitzenniveau und einer in Österreichs Restaurants längst vergessenen Glaskultur.
Kürzlich waren wir wieder einmal bei Cesare in Albaretto della Torre. Wenn man sich rechtzeitig anmeldet – am besten zwischen Donnerstag und Sonntag, kann man hier immer noch ein Traumerlebnis haben. Das Capretto dreht sich im Kamin am Spieß, während die Vorspeisen eintrudeln und einer der großen Weine von Sohn Filippo - natürlich in mundgeblasenen Gläsern - kredenzt wird. Im Sommer übersiedelt Cesare in sein altes Lokal und kocht im kleinen Rahmen für Freunde. In Piemont kann man halt da und dort noch eine vom Kalkulationsstift weitgehend unbeeinflusste Gastronomie erleben. Wem die Preise für Barolo, Barbaresco und Co zu hoch sind, der kann ja auf Dolcetto, Barbera und Freisa ausweichen. Es muss nicht immer Gaja, Voerzio, Scavino & Co sein.
Aber es kann. Zum Beispiel in der kleinen Osteria La Salita des Semi-Liechtensteiners Emilio in Monforte d’Alba. Vom Hauptplatz führt eine steile Gasse links den Berg hinauf, und gleich am Anfang rechts geht es in einen Hinterhof. Im Erdgeschoss liegt die Bar und Enoteca mit einem großen Tisch, ideal für eine Gesellschaft von 8-10 Leuten. Oben gibt’s 7-8 winzige Tische, eine Veranda und eine große Schiefertafel als Speisekarte: 3-4 Antipasti, 2-3 Primi (z. B. phänomenale Gemüselasagne) und 2-3 Secondi. Wir essen oft Steak: das heißt Filetto di Vitella piemontese und kommt herrlich zart, begleitet von Gemüse aus Emilios Garten. Nachher nehmen wir immer die phantastischen Rohmilchkäse aus den Langhe. Dazu passen die besten und seltensten Weine der Gegend: Emilio hat sie alle.
Wenn es ein Essen mit allem Drum und Dran sein soll in Monforte, ist die Trattoria della Posta, 2 km Richtung Roddino, unsere erste Adresse. Ganz besonders mag ich die Osteria Veglio im Dorf Annunziata (da kocht die Ex-Mannschaft des Felicin). Die Erfolgsformel lautet: Feine Küche, faire Preise, gute Weinkultur und eine Innenarchitektur, die moderne Nüchternheit und Gemütlichkeit glücklich verbindet (schöne Terrasse im Sommer).
In Alba hat die Weinfamilie Ceretto auf dem Domplatz ein spektakuläres Lokal eröffnet: Osteria La Piola im Erdgeschoss mit einfachen Gerichten und Gourmetrestaurant Piazza Duomo im ersten Stock. Am Herd der Gualtiero Marchesi-Schüler Enrico Crippa, Design von Bill Katz und Steven Shaller, New York Nach einem ersten Essen mit einem 10-Gänge Menü bin ich begeistert: Hier muss Michelin sofort zu zwei Sternen greifen: Für mich ist Crippa der Aufsteiger des Jahres und wahrscheinlich schon jetzt einer der absoluten Topchefs Italiens.
Ansonsten mag ich in Alba zwei Lokale besonders gern: Enoclub, ein oenophiles Restaurant mit jungem, flinkem Service in einem wunderschönen Gewölbekeller auf der Piazza Savona und die preiswerte und gute Osteria dell’Arco des Feinschmeckerclubs Arcigola, auch gleich gegenüber. Aperitif bzw. Digestif nehmen wir in beiden Fällen meist bei Giorgio in der Bar Brasilera an der Ecke zur Via Vittorio Emanuele oder im Vincaffè in der Fußgängerzone.
Außerhalb der Barolo- bzw. Barbaresco-Zone, aber auch in der Umgebung von Alba gibt es noch ein paar tolle Restaurants: All’Enoteca in Canale (versuchen sie die Ravioli al Vapore serviert ohne Sugo in einer Serviette – das funktioniert natürlich nur mit den besten Ravioli der Welt, und zu denen gehören die der Enoteca), Antica Trattoria Corona Reale- Da Renzo in Cervere (Angelos Lieblingslokal, Spezialität: Frösche!), Le Clivie in Piobesi d’Alba, Il Centro in Priocca, die oder die Trattoria I Bologna in Rocchetta Tanaro. Dort wollte ich mich schon längst mit Norbert Reinisch und seiner Raffaella vom Weingut Braida treffen und mit einer guten Barbera auf die österreichisch-piemontesische Freundschaft anstoßen. Aber bisher hat es noch nie geklappt. Einer von uns ist immer auf einem anderen Kontinent, oder mit Besuchern beschäftigt. Bei GAJA ist der Besuchsverkehr von Importeuren und Journalisten teilweise so dicht, dass wir einfach keine Privatleute nehmen können.
Hotelzimmer sind in Piemont besonders im Herbst schwer zu bekommen. Rechtzeitige Reservierung ist daher unbedingt ratsam. In Alba gibt’s neben den bekannten Hotels Savona (altehrwürdig und zentral), I Castelli (praktischer Vierstern-Business-Kasten mit Garage) und Motel Alba (nicht gerade romantisch aber strategisch günstig gelegen und neu renoviert) jetzt noch das Langhe (modern).
Hoch über Alba, im Ort Madonna di Como, verwöhnt der Luxus-Agriturismo Locanda del Pilone betuchte Gäste mit elegant-rustikalen Suiten und einem exquisiten Sterne-Restaurant im Haus. Zwischen Barbaresco und Treiso, in der Ortschaft Trestelle, liegt das gemütliche Ristorante Vecchio Trestelle (Michelinstern!) mit ein paar sauberen, sehr einfachen Zimmern. Gleich in der Nähe gibt’s zwei nette Agriturismi: Cascina delle Rose gleich unterhalb Richtung Martinenga und das gute und preisgünstige Casa Nicolini der dynamischen Chinesin Cinzia etwa 400 m Richtung Alba (gegenüber der Apotheke mit dem grünen Kreuz talwärts abbiegen). Im Dorf San Rocco Seno d’Elvio (der einzige Fleck der Gemeinde Alba, der zur Barbaresco-Zone gehört), liegt ein Agristurismo auf 4-Sterne-Niveau: Cascina Barac, der mir kürzlich von einem Ehepaar aus Oberösterreich wärmstens empfohlen wurde.
In Monforte ist die Villa Beccaris die erste Adresse (schöne Lage, Swimmingpool, Geheimtip: die neuen Appartments in der Dependance). Zimmer vermietet auch das Restaurant Felicin (vermittelt auch Privatzimmer in Monforte). Endlich wurde auch das familiäre Hotel-Restuarant Grappolo d’Oro auf der Piazza Umberto renoviert (preiswertes, traditionelles Restaurant, das auch für größere Gruppen gerüstet ist und eine vorzügliche, bodenständige Küche bietet), wodurch Monforte eindeutig schöner wurde (fragen Sie nach den Dependance-Appartments). In Verduno empfiehlt sich das Real Castello, in Castiglione Falleto das Hotel La Torre und in Novello das reizende Barbabuc. In Isola d’Asti, zwischen Asti und Alba, haben Sie zwei gute Optionen: Das schon erwähnte Cascinale Nuovo (mit Spitzenrestaurant und Swimmingpool) oder das hervorragende, von Schweizern geführte Castello di Villa. Neu eröffnet ist das luxuriöse Relais San Maurizio, ein ehemaliges Kloster in Traumlage (allerdings ein bißchen abgelegen) über Santo Stefano Belbo (Achtung: stolze Zimmerpreise!). Das Restaurant wird von der Familie Alciati, die das legendäre Restaurant Guido in Costigliole geschlossen hat, geführt. In Pollenzo entsteht derzeit unter Führung der Gourmetvereinigung Arcigola eine gastronomische Akademie im ehemaligen Königspalast der Savoyer. Das Restaurant Guido da Costigliole wird ebenfalls von den Alciati geführt. Gleich daneben gibt es zwei gute Hotels: La Corte Albertina und l’Agenzia di Pollenzo. Im Roero-Gebiet, mitten in den Weinbergen von Malvirà in der Nähe von Canaleempfehle ich das wunderschön gelegene Hotel Villa Tiboldi, ein echtes Juwel!
Noch zwei Einkauftips in Alba: In der Via Vittorio Emanuele liegt die Enolibreria Piaceri del Gusto des Alt-68ers Gigi (Bücher und allerhand feine Sachen). Die beste Vinothek ist Fracchia & Berchialla in der Via Vernazza unweit des Domes.
Info für Raucher: In Italien gibt es neue Anti-Raucher-Gesetze. Die werden hier rigoros durchgezogen, was eigentlich erstaunlich ist. Deshalb sieht man auch bei uns in den Langhe die Leute wie in New York zwangshalber zum Rauchen vor die Tür gehen.