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In Linz müsste man sein...

Crossing Europe 2005: Ein Rückblick

Auch heuer wieder war das Programm ungemein vielseitig, von Chistine Dollhofer und ihrem Team mit Verve organisiert und trotz budgetärer Einschränkungen großartig.

Weniger Filme - mehr Publikum

Kein Wunder also, dass das Festival gleich mit Publikumszuwächsen um die 20 % punkten konnte – der Fokus auf vor allem junges Kinopublikum scheint erfolgreich gewesen zu sein. Insgesamt kamen knapp 10.000 BesucherInnen zum Festival und seinen Rahmenveranstaltungen. Wie heißt’s so erfreulich im Pressetext: "Die dritte Ausgabe von CROSSING EUROPE steht somit außer Frage" – schlimm genug, dass dies vorher noch nicht gesichert gewesen zu sein scheint. Um ein höheres Budget für 2006 soll noch verhandelt werden - in diesem Fall kann es sogar problematisch werden, wenn man um kein Geld so viel leistet, die österreichische „es is ja eh so auch gegangen“ Mentalität könnte sich bestätigen.

Preisverleihung

Mirror Mechanics Der Crossing Europe Award ging an heuer an die französische Regisseurin Isild Le Besco für ihren Debütfilm "Demi-Tarif", Siegfrid A. Fruhauf wurde für den Kurzfilm "Mirror Mechanics" mit dem Crossing Europe Award 2005 Local Artist ausgezeichnet. Die Local Artists Jury bedachte weiters die Regisseurinnen Barbara Musil und Karo Szmit für ihren Kurzfilm "SW-NÖ 04" mit einer lobenden Erwähnung.

Auch heuer wieder bewies sich die umsichtige Filmauswahl: Dokumentar- Kurz- und Spielfilme hielten sich die Waage, durch die gut gesetzten Schwerpunkte ergaben sich viele Querverbindungen.

Cafe Stern So war an diesem Festival wohl alles gut, auch das Aprilwetter hielt sich zurück (aber letzlich saß man eh im Kino). Nur der eher komatösen Linzer Lokalszene konnte wohl auch das Festival kein Leben einhauchen(da half auch keine optisch aufgeblasener Lokalführer für die Festivalgäste). Ohne die Festival-Nightline sowie die zwei durch ihre Zugehörigkeit zu den Kinos involvierten Lokale Stern und Gelbes Krokodil wäre wohl nicht viel los gewesen.

Die Lieblingsfilme der Winetimes-Redaktion

Postadresse: 2640 Schlöglmühl (Egon Humer, Ö 1990)

Postadresse Im Zentrum des Films stehen Menschen, die durch die Schließung der Papierfabrik Schlöglmühl ihre Arbeit und ihren Lebensinhalt verloren haben - „Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, zu tun und zu erwarten“. Verraten von den Verantwortlichen (sowohl innerhalb der Fabrik als auch der Gewerkschaft), versuchen die Betroffenen und ihre Angehörigen das Leben zu meistern. Nach gescheiterten Protestaktionen und dem Ausbleiben der versprochenen Arbeitsplätze bleibt nur mehr der Alltag in den ehemaligen Werkswohnungen und das Leben in einer Geisterstadt, in der mit dem Unglück die Zeit stehen blieb - der Zeitpunkt des Verrats und des Verlustes scheint konserviert für die Ewigkeit. In den Interviews mit den Einwohnern von Schlöglmühl werden die Ereignisse zu Schicksalen, eingespielte TV-Berichte der Geschehnisse sowie Ausschnitte aus der Studie „Die Arbeitslosen von Mariental“ (1933) sowie der Ortschronik von Frau Gerl im Voice-over machen erhöhen das Schicksal eines Dorfes zu einer politischen Aussage. So werden die doch vorhandenen Spira-Anklänge im Film durch das große Bild eines Dorfs, einer Zeit und eines "echten" Dramas in den Hintergrund gedrängt. Sehr sehenswert.

Oprosti Za Kung Fu/Sorry for Kung Fu (Ognjen Sviličić, KR 2004)

KungFu Ein Mädchen kehrt aus Deutschland in die Heimat Kroatien zurück weil ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wurde - sie ist hochschwanger und wird nun von der Verwandtschaft krampfhaft an den Mann gebracht. Ihr kleiner Bruder träumt davon, in den USA Gitarrist in einer Rockband zu werden (wunderschön: das Riff von Smoke on the Water hallt einsam durch die finstere Landschaft). Überall sind die Auswirkungen des Krieges spürbar – nicht nur im Bild und den Charakteren, auch in den Dialogen. Die Eheanbahnungen scheitern (auch wenn einer der potentiellen Ehekandidaten das Minenfeld hinter dem Haus räumt). Mit der Überraschung bei der Geburt des Enkelkinds hat allerdings niemand gerechnet – eine einfache Lösung, die die Gegensätze zwischen den Generationen aufhebt, wird in diesem Film trotz seiner komödiantischen Anklänge verweigert. Ex-Jugoslawien jetzt – ein Sittenbild?

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? (Gerhard Benedikt Friedl, D/Ö, 2004)

Im Zentrum des Films: die Krise der Darstellbarkeit. Die Tonspur, in der die wirtschaftlichen Ent- und Verwicklungen im Nachkriegsdeutschland episch ausgebreitet werden, mäandert um das gezeigte Filmmaterial, passt sich jedoch nie 1:1 an. Viele der tatsächlichen Schauplätze (Fabriken, etc. ) existieren nicht mehr, sie wurden durch andere Produktionshallen ersetzt. Durch betonte langsam geschwenkte Totalen entstehen gleichsam allgemein gültige Raumbilder. Der Text könnte aus einer Dokumentation stammen, so objektiv und gleichzeitig doch unterschwellig zynisch klingt er. Wie der Regisseur im Publikumsgespräch anmerkte, war die Grundidee für den Text „es muss alles eins zum anderen führen und alles tendenziell bergab“. Es soll „ein zunehmender Verdacht aufgebaut werden“, die Aufforderung zu politischem Handeln steht – unausgesprochen – im Zentrum. Die ZuschauerInnen bekommen so eine eigene Rolle zugewiesen: sie müssen Text und Bild im Kopf zusammenführen und eine eigene Interpretation finden.

Aaltra (Benoît Delépine, Gustern Kervern; B 2004)

Aaltra Der erste Gedanke: schon wieder ein Dogma-Film. Grobkörnige und großflächige S/W-Bilder von Kornfeldern. Auch die anfängliche Handlung bestätigt diesen Eindruck: zwei sich hassende Nachbarn werden während eines Raufhandels von einem umkippenden Traktor der Marke Aaltra so schwer verletzt, dass sie sich querschnittsgelähmt nebeneinander im Krankenhaus wieder finden. Beide pilgern nun gemeinsam an den Rollstuhl gefesselt nach Finnland, um den Hersteller des Geräts zu verklagen – beinah scheint es, als ob die Verletzung eigentlich die Grundvoraussetzung für das Roadmovie ist, genauso wie die Unsympathie zwischen den Hauptfiguren, vom Arzt genannt „die Zwillinge“ (man denke an „Indien“, etc.). Viele Themen werden gestreift: die Technik und ihre Rolle, die Einschränkungen im Rollstuhl, etc. Viele Fragen bezüglich der Handlung bleiben offen, aber die perfekte Kameraführung lenkt sosehr davon ab, dass sie erst nach dem Film auftauchen. Auch wenn der Inhalt stellenweise problematisch ist, so scheint der „richtige“ Umgang mit dem Thema Behinderung nicht im Zentrum des Films zu stehen. Berühmt wurden die beiden Hauptdarsteller ja auch als Stand-up Comediens im belgischen Fernsehen (ebenfalls eine Art Parallele zu „Indien“). Zynisch ist dieser Film und unglaublich unterhaltsam – Plausibilität steht nicht im Zentrum. Ein paar der Szenen werden mir wohl ewig im Gedächtnis bleiben – haben Sie schon mal „Sonny“ auf Finnisch gehört? Und wussten Sie, was man mit Automatik-getriebenen Motocross-Rädern alles anstellen kann?

Český Sen (Filip Remunda, Vit Klusák; CZ 2004)

Cesky Sen Unter Beteiligung einer Werbeagentur planen zwei Filmstudenten ein Großprojekt: einen Megasupermarkt, der nicht existiert. Ziel des Projekts ist, möglichst viele Menschen zur Eröffnung zu locken - dort befindet sich allerdings nur eine große Leinwand auf einem Gerüst mitten in einer Wiese, die die Vorderfront des Megamarkts darstellt. Die zwei lassen sich zu Managern umstylen und die Werbekampagne für den Markt namens „Český Sen“ (der tschechische Traum) beginnt. Wir sehen die Aufnahmen des Werbesongs, dessen Komponist erklärt, wie man sein Publikum zum heulen bringt und Interviews mit Shopping-Mall besuchenden Familien: „I love supermarkets. They make me feel good“. Der Entstehungsprozess wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die potentiellen Konsumenten, sondern auch auf die Werbeindustrie. Sind anfänglich noch alle begeistert, so weigern sich die Kampagnenleiter später, Produkte auf Aussendungen zu bewerben, die dann nicht erhältlich sind. Interessanterweise haben sie mit der Werbung für einen nicht existenten Supermarkt kein Problem. Der Film schließt mit der Eröffnung des Projekts, zu der Tausende Kaufwillige erscheinen. Die Reaktionen reichen von Gelächter bis hin zu wüsten Beschimpfungen – viel Erwähnung findet auch die EU, da die Mitgliedschaft fast zeitgleich zustande kam. Die anschließende öffentliche Debatte, wie so ein Projekt „von unseren Steuergeldern“ finanziert werden konnte, erinnert dann doch sehr an Österreich.

Wesele/Die Hochzeit (Wojciech Smarzowksi, PL 2004)

"Hochzeiten sind der Hauptscheidungsgrund"

Wesele In Polen selbst war die Meinung verbreitet, man sollte den Film besser nicht im Ausland zeigen, da ein zu schlechtes Bild des Landes gezeichnet würde. Tatsächlich geht es in diesem Film vorrangig um Geldgier und nur unwesentlich um die Liebe. Gleich zu Beginn der Hochzeit wettert der Pfarrer in seiner Rede gegen die Geldgier, allerdings ohne Erfolg. Die Ingredienzien des folgenden Unglücks: ein gestohlener Audi, unzählige Flaschen Wodka, Unsummen an Bestechungsgeldern, Sex, eine schöne, schweigsame und schwangere Braut, ein geldgeiler Bräutigam, der Ex der Braut, ein übergehendes Klo und noch mehr Flaschen Wodka. Herrlich böse!

Shaun of the Dead (Edgar Wright, GB 2004)

Shaun Eine britische „rom zom com“ – eine Romantic Zombie Comedy - ist wohl die beste Beschreibung für diesen Film. Schon der Titel legt Querverweise auf diverse Romero-Großtaten nahe, kann aber auch mit herrlich lustigen Zitaten von Reservoir Dogs (the Mexican Stand-Off) sowie Clockwork Orange (der Obdachlosenmord) aufwarten. Im Gegensatz zum amerikanischen Original "Dawn of the Dead" wird vor den Zombies allerdings nicht in ein Einkaufszentrum, sondern ganz britisch ins Pub geflüchtet. Die Erkenntnis: letztlich ist der Unterschied zwischen Zombies und Menschen, die sich um’s letzte Bier vor der Sperrstunde anstellen, marginal. Und was ist nahe liegender, als die (seit kurzem) Ex-Freundin durch Rettung vor Untoten wiederzugewinnen? Eben. Weil warum: "You don’t wanna die single!"

Edgar G. Ulmer – Der Mann im Off (Michael Palm, A/USA 2004)

Schon der teilweise verdeckte „Hollywood“-Schriftzug zu Beginn des Film weist darauf hin, worum es im Folgenden gehen wird: um die Kehrseiten des Studiosystems. Oder wie Ulmer es selbst formuliert: „It’s a very, very sad life now. Strange, very strange.“ Zeitgenossen, Verwandte und Filmschaffende wie Wim Wenders, Peter Bogdanovich und John Landis reden über ihre Erfahrungen mit dem „King of Bs“, dessen Low-budget-Filme zumeist von einem blank screen und viel Nebel („the B-director’s friend“) lebten und allen Independent-RegisseurInnen nicht zuletzt aufgrund ihres ungemein hohen Kosten-Nutzen-Faktors ein Vorbild waren. Auf witzige Weise spielt der Dokumentarfilm mit Ulmers eigenen Stilmitteln, da werden schon mal ehemalige Hauptdarsteller im Auto mit eingespieltem Hintergrund interviewt und mit Filmzitaten zusammengeschnitten. Und jeder im Saal machte im Geiste Notizen, welche von Ulmers Filmen er/sie sich noch ansehen sollte. Ulmers biographische Angaben über seine Zeit in Europa und die Zusammenarbeit mit Regie-Koryphäen wie Wilder und Siodmak sind ebenso vielfältig wie nicht nachprüfbar, er bleibt auch in diesem Dokumentarfilm mehr Phantom. Aber wie formuliert es Alexander Horvath vom Österreichischen Filmmuseum so schön: „es muss ihn gar nicht gegeben haben, damit’s ihn gibt“.

Nicht ohne Risiko (Harun Farocki, D 2004)

"Pläne erfüllen sich in der Regel nicht"

Ein weiterer Film aus dem Special „Arbeitswelten“, das sich heuer dem Thema „Unsichtbare Gegner“ widmete. Wir sehen die Vertreter einer Firma in Verhandlung mit potentiellen Geldgebern für Risikokapital. Hier wird nichts inszeniert und auch keine Partei ergriffen – bei dem Ausmaß an Selbstdarstellung und (auswendig) gelernter Taktik, das die beiden Parteien an den Tag legen, ist dies allerdings auch nicht notwendig. Im Grunde Furcht einflößend, würden nicht die herrlich schlechten Anglizismen (und das unglaubliche bildungsbürgerliche Gehabe mancher Beteiligter) für viel Gelächter sorgen.

Niemand Vermischt mit dem Nichts (Johanna Tschautscher, Ö 2005)

Dieser Dokumentarfilm nähert sich dem Thema Mafia in einer ungewöhnlichen Perspektive – im Zentrum stehen weniger deren Gräueltaten als die Frage nach den Beweggründen, die junge Menschen zu dieser Organisation treiben. Auskunft gibt unter anderem ein Staatsanwalt, der seit 13 Jahren die Cosa Nostra auf Sizilien verfolgt und viele Mafiosi im Gefängnis befragt hat. Dieser war obwohl normalerweise schwer bewacht sogar in Linz anwesend. Die Ovationen für seinen Mut waren berechtigt, der Film…na ja.

Podul Peste Tisa (Ileana Stanculescu RO/D 2004)

Pisa Ein Dokumentarfilm über die Brücke über die Tisa, die Rumänien und die Ukraine verband. Durch Hochwasser oft bedroht, wurde die Brücke in beiden Weltkriegen zerstört (auch wenn darüber die Berichte der Bewohner oder besser deren offizielle Geschichtsschreibung divergieren). 1998 begann der Wiederaufbau der Brücke mit Hilfe von EU-Geldern, aber auch nach der Fertigstellung im Jahr 2002 darf sie nicht passiert werden: Denn wenn Rumänien der EU beitritt, werden von Menschen aus der Ukraine wieder Visa verlangt. Die Auswirkungen einer willkürlichen Gebietsaufteilung.

Netto (Robert Thalheim, D 2004)

Netto Wieder mal ein Film über Ost-Berlin… Auch wenn mich jetzt alle Berlin-Bewohner schimpfen (und das war ja auch jedeR zweite WienerIn einmal - zumindest kurzfristig): für die nächsten paar Jahre reicht’s. Vermutlich liegt’s an mir, aber für mich ist das Thema einstweilen erschöpft, dafür kann der Film nichts. Ja, die Geschichte eines Sohnes, der seinen Vater bei der Jobsuche (er ist eher schmächtig sowie Ex-Alkoholiker und will ausgerechnet in den Personenschutz) „coacht“ ist ja stellenweise lustig. Aber Peter Tschernig? Muss das sein? Gut gemacht, ab und an witzig und traurig und sentimental mit einer Prise Generationenkonflikt und Arbeitslosigkeit, wie das halt so sein muss. Und zum Schluss: der „Johnny Cash des Ostens“ als deus ex machina. Immerhin: es handelt sich um einen Debutfilm.


 

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