Gar Köstliches aus Umbrien.
Kennen Sie Sagrantino di Montefalco?Einmal ehrlich, wenn wir an italienischen Wein denken, was fällt uns dann ein? Chianti, Brunello und natürlich Barolo. Vielleicht noch der eine oder andere Wein aus Sizilien. Aber Sagrantino di Montefalco? Wohl kaum.
Dabei ist schon im ersten Jahrhundert nach Christus bei Plinius dem Älteren von Weinbau in Montefalco die Rede. Eine Traube namens Itriola soll damals schon ausgezeichnete Weine erbracht haben. Ob sie ident mit dem heute dominierenden Sagrantino ist, wird wohl kaum mehr nachzuweisen sein, möglich ist es, denn diese autochthone Rebsorte ist sonst nirgends zu finden und ist auch mit keiner anderen Sorte in Italien verwandt.
Möglicherweise kam Sagrantino auch im Gefolge von Franz von Assisi aus Asien, jedenfalls findet man auf Fresken auf denen sein Leben portraitiert wurde, einen roten Dessertwein, der Sagrantino sein dürfte. Denn seinerzeit wurde Sagrantino di Montefalco süss ausgebaut. Bei einigen Winzern gibt es auch heute noch einen Passito. Seit den 1960ern wird er aber meist trocken ausgebaut. Seit 1979 gibt es die D.O.C. und seit 1992 ist Sagrantino di Montefalco ein D.O.C.G. Wein. Das Anbaugebiet liegt im Herzen Italiens, im Mittelpunkt von Umbriens Hügelland und umfasst die Gemeinden Montefalco, Bevagna, Castel Ritaldi, Giano dell’Umbria und Gualdo Cattaneo. Die Weinberge liegen auf 250-450m Seehöhe, die Böden sind vorwiegend tiefgründige, sehr gut wasserspeichernde Lehm- und Ton-Auflagen auf vulkanischen Felsen mit hohem Kalkanteil, vorwiegend Muschelkalk. Daher gibt es selbst in heissen jahren, wie 2003 kaum Hitzestress und eingekochte Fruchtaromen.
Sagrantino bildet kleine kompakte Trauben, maximal halb so gross wie Sangiovese, dafür ist es aber die Sorte mit den höchsten Polyphenolen, dieser hohe Anteil an natürlichen Tanninen und der geringe Ertrag liefert sehr kompakte, konzentrierte Weine mit viel Frucht, Struktur und Finesse. Durch die kräftigen Tannine sind die Weine auch extrem lagerfähig. Das Gesetz ist hier sehr streng ausgelegt, der Sagrantino di Montefalco darf mit keiner anderen Rebsorte verschnitten werden, muss ein Jahr im Holfass reifen und darf erst 30 Monate nach der Lese verkauft werden.
Die Weine zeigten sich bei unseren Verkostungen vor Ort mit tiefer dunkler Frucht nach Heidelbeeren und Brombeeren mit feiner Kräuterwürze.
Das Anbaugebiet von Montefalco umfasst ca. 1.000 Hektar, mehr als die Hälfte davon ist bereits mit Sagrantino bestockt, Tendenz steigend, weil man hier – sehr richtig – gar nicht mit den „New World“-Weinen konkurrieren will, wie leider so oft im restlichen Italien, sondern voll auf die Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit des Sagrantino setzt. Es werden derzeit viele verschiedene Erziehungsformen und Ausbauvarianten versucht, die bereits schöne Erfolge zeigen, so gab es heuer gleich zweimal die begehrten „Tre Bicchieri“ in der Wein-Bibel des Gambero Rosso, für Arnaldo Caprai und für Colpetrone. Arnaldo Caprai wurde sogar Winzer des Jahres.
Im Bild: Der Oenologe Emiliano Falsini von Perticaia di Guido Guardigli, demonstriert anschaulich den Unterschied von Sangiovese und Sagrantino.
Der Qualitätslevel ist - selbst bei den Genossenschaften - sehr hoch, wenn man auch da und dort den „flying winemakers“ noch beibringen sollte, dass man bei den hohen natürlichen Tanninen nicht auch noch extremen Barrique-Einsatz machen muss.
Natürlich gibt es im Gebiet auch noch andere Rebsorten, wie Sangiovese, Merlot oder Cabernet Sauvignon, daraus wird der „Montefalco Rosso“ gekeltert. Abgerundet wird das Weinangebot durch den „Montefalco Bianco“, der mindestens zur Hälfte aus der ebenfalls autochthonen Rebsorte Grechetto stammt und meist mit Trebbiano und Chardonnay verschnitten ist.
Besonders spannend war der Besuch beim preisgekrönten Weingut Caprai. Nicht nur der Weine wegen, sondern wegen Marco Caprai, der uns in die Weingärten entführte und uns die vielfältigen Versuchs-Anlagen erklärte, von Buschkultur bis Lyra-Erziehung wird hier alles ausprobiert, auf verschiedenen Unterlagsreben und verschiedenen Böden. So will er herausfinden, welche Kombination die optimale Traubenversorgung im Weinberg erbringt.
Im Bild: Der Pool vor den Weinbergen von B&B "In Villa", wo es sich trefflich wohnen und verwöhnt werden lässt, und das mehr als preiswert.
Eine Reise nach Montefalco lohnt sich jedenfalls, nicht nur des Weines wegen, denn auch Kultur gibt es reichlich zu erkunden, die Küche ist unglaublich facettenreich und einige der besten Olivenöle der Welt sind ebenfalls von hier. Wohnen kann man in wunderbaren Hotels oder in renovierten alten Weinguts-Häusern mit Swimming-Pool im Garten und Panorama-Blick in die Weinberge. Selten habe ich mich so wohl gefühlt, selten durfte ich so eine Gastfreundschaft geniessen.
Verkostungsnotizen folgen unter http://verkostungen.winetimes.at/index.php
Infos zu Montefalco:
Eine sehr gut gemachte Website von Kultur bis Wein, von Genuss bis Wohnen, auch auf Deutsch und Englisch, wenn auch in einigen Bereichen nicht ganz top-aktuell, so doch informativ genung, um eine Reise zu planen.
Die Website des Consorzio ist leider noch recht unkomplett und nur in italienisch, die Mitglieder und die gesetzlichen Vorschriften kann man aber auch mit "Speisekarten-Italienisch" herausfinden.
http://www.deutsch.montefalcodoc.it/
Ein Website in Deutsch mit vielen Informationen rund um Montefalco, von Wohnmöglichkeiten, über Wein, Kunst und Kultur bis zu Veranstaltungen.
Besonders gut gefallen haben uns die Weine von:
Antonelli San Marco www.antonellisanmarco.it
Adanti www.cantineadanti.com
Benincasa www.aziendabenincasa.com
Casale Triocco – Spoletoducale www.casaletriocco.it
Colpetrone www.saiagricola.it
Dionigi www.cantinadionigi.it
Di Filippo www.vinidifilippo.com
Madonna Alta www.madonnalta.it
Perticaia guidoguardigli@libero.it
Rocca di Fabbri www.roccadifabbri.com
Ruggeri Giuliano
Tabarrini Giampaolo www.tabarrini.com
Terre de Trinci www.terredetrinci.com
Terre de Trinci
Terre de Trinci www.terredetrinci.com
Ein Besuch bei Dr. Lodovico Mattoni (im Bild oben bei der Übernahme wunderbar gesunder Trauben) lohnt auf jeden Fall, erstens weil seine Top-Weine vielschichtig und spannend sind, vor allem der "Ugolino", aber auch der "normale" Sagrantino di Montefalco, der Passito, der Sangiovese und die beiden Grechetto. Alles in hochfeiner Qualität mit Ausdruck und Finesse. Zweitens, weil er der Nachfolger von Filippo Antonelli als Vorsitzender des Consorzio ist und ein Gespräch mit ihm nicht nur informativ ist, sondern auch viel Spass macht.
Spannend ist aber auch, wo das Ganze entsteht: In einer ehemaligen Genossenschaft mit unglaublichen Ausmassen, als Vergleich fiel mir ein Mensch ein, der einmal unglaublich dick war und dann über 100 Kilo abgenommen hatte, da war dann einfach rundherum viel zu viel Haut.
Hier sind es halt riesige Gebäude, Gerätschaften, Tanks und Zisternen, in denen nur in einem kleinen Teil gearbeitet wird, wo bereits alles modernisiert wurde, der andere Teil steht leer oder wird für Tafelwein benutzt, den man sich an der "Wein-Tankstelle" abfüllen lassen kann.
Die Wein-Tankstelle. Hier werden Tafelweine direkt aus dem Keller in grössere Gebinde, meist Glasballons mit Korb-Ummantelung verkauft.
Casale Triocco – Spoletoducale
Casale Triocco – Spoletoducale www.casaletriocco.it
Extrem spannend auch der Besuch bei der grössten Genossenschaft der Gegend. Mehr als 400 Mitglieder werden unter der Leitung von Paolo Silvestri (im Bild oben) auf Qualitätskurs getrimmt. Spoletoducale wurde 1969 als Tafelwein-Produzenten-Gemeinschaft gegründet, seit 1982 wird auch Qualitätswein produziert. Heute gibt es zwei verschiedene Labels um sowohl im Handel als auch in der Gastronomie vertreten sein zu können. Unter Spoletoducale wird die Handelsschiene etikettiert, unter Casale Triocco füllt man hier Weine speziell für die Gastronomie und die Wein-Liebhaber. Was aber nicht bedeutet, dass die Spoletoducale-Weine schlecht sind.
Faszinierend Paolo Silvestri, wo sonst leitet ein Mann seit 25 Jahren eine Genossenschaft dieser Grössenordnung? Schon 1980 begann er damit, den Mitgliedern zu erklären, warum weniger Ertrag und weniger Chemie zu mehr Qualität führen können. "Erst hab ich nur geredet, nach und nach habe ich dann ein System eingeführt, wo höhere Qualität auch mehr Geld bringt".
Gut, das habe ich in fast jeder Genossenschaft weltweit schon gehört. Was ich allerdings noch nie gehört bzw. gesehen habe, ist die Konsequenz in der Umsetzung. Für jeden einzelnen Weingarten jedes Mitglieds gibt es eine Dokumentation mit allen Qualitätskriterien, wie Böden, Ausrichtung, Stockdichte etc. bis hin zur Höhe der Laubwand und Anzahl der Trauben pro Stock. Je höher der Faktor aus all diesen Parametern errechnet wird, desto höher ist der Betrag, den der Winzer erhält. Eigene Weingarten-Prüfer gehen mit diesen Excel-Sheets durch die Weinberge und bestimmen den optimalen Lese-Zeitpunkt.
Derzeit werden für die DOC und DOCG Weine ca. 100 Hektar bewirtschaftet und 500.000 Flaschen abgefüllt. Die optimale Trinkreife sieht Paolo Silvestri bei 8-10 Jahren Reife: "Ich trinke jetzt am liebsten den 1997er". Aktuell im Verkauf ist der "Super-Jahrgang" 2003, man darf sich aber auch auf 2004 und 2005 freuen, die beide "mit extrem hohem Einsatz in den Weingärten" zwar weniger Ertrag aber sehr feine elegante Weine erbringen, wie ich bereits bei Proben aus den Fässern feststellen durfte.
Meine Lieblinge bei der Verkostung waren der
Spoletoducale Sagrantino di Montefalco "Surprise" 1992
und Casale Triocco Sagrantino di Montefalco 1997 und 2003.
Antonelli San Marco
Auf dem alten langobardischen Gutshof, der vom 13. bis zum 19. Jahrhundert dem Bistum von Spoleto gehörte, keltert heute einer der qualitätsbesessensten Winzer der Gegend seine feinen Weine: Filippo Antonelli (oben im Bild). Lange Jahre war er auch Präsident des "Consorzio tutela Vini di Montefalco".
Der Betrieb umfasst ca. 170 Hektar - dieselben, die schon in bischöflichen Urkunden im 13. Jahrhundert beschrieben sind - 35 Hektar sind beste Hanglagen mit Wein bestockt, der Rest sind Olivenhaine, Felder und Wald. Auf dem Gut kann man auch im neu - mit viel Liebe zum Detail - renovierten Agriturismo nächtigen. Auch der Keller ist in den letzten Jahren nach dem "Schwerkraft-Prinzip"völlig modernisiert worden, der Traubensaft muss also nicht mehr gepumt werden, sondern rinnt immer qualitätsschonend von selbst in die Tanks oder Fässer. Insegesamt werden ca. 250.000 Flaschen erzeugt.
Besonders gut schmeckten hier:
Sagrantino di Montefalco 1999, 2001 und 2003 (sowie die Fassprobe 2004)
Sagrantino Passito 1997 und 2001
Baiocco Umbria IGT aus 100% Sangiovese 2003
und der Grappa di Sagrantino.
Besonders erwähnenswert das unglaublich fruchtige Olivenöl.
Arnaldo Caprai.
Der "Platzhirsch", wie man in Wien sagen würde, ist das Weingut Arnaldo Caprai. Schon bei der Zufahrt sieht man, dass hier der berühmteste Winzer zu Hause sein muss, in mitten frisch gekämmter Weinberge steht die moderne "Hazienda", ein Weingut, das alle Stückerln spielt. Modernste Keller, freundliche Verkostungsräume, perfekter Verkaufsraum, der schon fast amerikanisch auch allerlei "Devotionalien" oder sagen wir Merchandising-Mitbringseln anbietet.
Derzeit ist das Weingut in Händen von Marco Caprai, den man wohl als Weingarten-Philosoph bezeichnen könnte. Ein Spaziergang durch die Weingärten ist faszinierend, man muss nichts fragen, die Ideen und Gedanken sprudeln richtig heraus. Und wenn er merkt, dass man auch den Unterschied der einzelnen Erziehungsformen und biodynamische Produktion kennt, dann geht's ins Detail, wie man das selten wo hört. Es wird mit bis zu 15.000 Stöcken pro Hektar in verschiedenen Erziehungsformen experimentiert, mit mehr als 60 verschiedenen Sagrantino-Klonen, teilweise sogar aus den Samen gezogen. Alle Versuche seiner Vorfahren und seine eigenen, alle Flops und Erfolge erklärt er dann und schon ist man wieder einmal eineinhalb Stunden zu spät bei der Verkostung.
Derzeit sind 150 Hektar im Errtrag, aus denen insgesamt 600.000 Flaschen produziert werden, davon 120.000 Sagrantino.
Nun gut, die Erfolge sind bekannt, vom "Wein-Oscar" der italienischen Sommeliervereinigung bis zu etlichen "Tre Bicchiere"-Auszeichnungen, von höchsten Parker-Punkten bis zur Wine-Challenge in London. Alle bekannten Auszeichnungen finden sich hier. Über die Geschichte und den Werdegang kann man ein Buch schreiben, aber das kann man auch grossteils auf der ausgezeichneten Website www.arnaldocaprai.it nachlesen (Italienisch und Englisch).
Die abschliessende Verkostung war ein kleines Highlight
Grecante Grechetto dei Colli Martani 2004 ein herrlicher Weisser um 5,-
Sagrantino di Montefalco Collepiano 2002, der zeigte, wie gut Wein mit viel Aufwand auch im Regenjahr werden konnte.
Sagrantino di Montefalco "25 anni" 1997 und 1998, die sind inzwischen ja schon Kultwein geworden.
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Wenn Sie Sagrantino kaufen möchten fragen Sie am besten beim jeweiligen Erzeuger nach einem Importeur in Ihrer Nähe oder direkt über das Consorzio, die Websiten sind alle im Artikel angeführt.
Am einfachsten habens die Berliner, denn dort gibt es die Sagrantino Wine-Bar wo man einen guten Querschnitt der besten Weingüter zu passenden Schmankerln kosten kann.
Grechetto ist bei uns leider kaum erhältlich, obwohl sie mit Ab Hof-Preisen um die 5,- Euro wohl durchaus interessante Alternativen zu unseren Weissweinen wären.
Rosso di Montefalco (Ab Hof unter 10,-) ist in Deutschland und Österreich vereinzelt zu finden, ebenso wie die diversen Cuvees aus Sagrantino, Sangioves und Merlot oder Cabernet (Ab Hof über 20,-), die meist als IGT etikettiert sind.
Sagrantino di Montefalco (Ab Hof zwischen 15,- und 20,- Euro) findet man über den Weinfahnder oder über wine-searcher
In Österreich führen folgende Weinhändler bzw. Vinotheken Sagrantino:
http://www.vinidimontefalco.at/