Tibor Gál 1958-2005.
Der Wein-Vordenker Ungarns ist tot.
Das gibt’s doch nicht, dachte ich, als mich die Nachricht erreichte. Doch nicht er. Nein, bitte doch nicht dieser kraftstrotzende Tausendsassa, nein, bitte nicht er.
Tief betroffen sitz ich da und überlege, wie ich die Zeilen füllen soll, die nur annähernd beschreiben, wer dieser Mensch war. Also geh ich einmal und suche einen Wein von ihm heraus. Nein, nicht den Ornellaia 88, das wäre nicht annähernd der Wein, der ihm gerecht würde, nein, ich weiss, irgendwo da hinten ist ein Sauvignon Blanc aus seiner ungarischen Kellerei. Ja, da ist er, ein 2001er – so lang ist das schon her, dass ich ihn besucht hab, nein, ich war ja voriges Jahr auch dort, da haben wir doch stundenlang über die Zukunft des ungarischen Weines diskutiert…
Na gut, ich mach den 2001er auf. Ach, wie haben wir gefightet über Holzeinsatz und moderne Kellertechnik. Ich war mit einigen Methoden gar nicht seiner Meinung. Damit konnte er aber gut leben. Ganz im Gegenteil, er sagte mir, dass er froh sei, dass ihm widersprochen werde. Er, als Superstar, weil Ornellaia ihn berühmt gemacht habe, sei inzwischen schon von so vielen Leuten umgeben, die immer toll fänden, was er produziere…
i hob di lebn gsegn...
Ach was. Unwichtig. Tibor war einfach einer dieser wenigen Menschen im Wein-Business, der immer das G’spür hatte, wo’s lang geht. Und dann stirbt er bei einem Verkehrsunfall, kracht in einen Bus. Irgendwie passt das nicht. „I hob di leben gsegn, so a unfall, der passt ned zu dir“ – diese Nummer von der steirischen Gruppe STS schiesst durch mein Hirn. Und – nein, ich will nicht schon wieder einen Nachruf schreiben. Tibor Szemes, Jean-Michel Arcaute, Bernhard Breuer, Reinhard Knebel, Gottfried Schellmann – was ist denn los? Warum sterben denn gerade die Vordenker, die Innovatoren, die so wichtigen Leute im Weinbau?
Wäre es nicht so traurig, könnte man wenigstens sagen, dass es lustig ist, dass Tibor fast gleichzeitig mit Arthur Miller verschied, den er mir - in einem Interview vor Jahren – als einen seiner Lieblingsautoren nannte. Naja, vielleicht können die beiden ja jetzt da oben drüber diskutieren.
Warum stirbt ein Ungar in Südafrika? Weil er für das Weingut Capaia von Alexander von Hessen unterwegs war? Weil er, als Weltreisender in Sachen Wein, grade von A nach B fuhr und dabei in Gedanken schon wieder in Europa war? Wir können es nicht nachvollziehen.
Tibor dachte immer nach. Nahm jede Anregung und jede Kritik auf, versuchte daraus zu lernen; sich weiter zu entwickeln. In seiner Heimat Ungarn kämpfte er gegen Bürokratie und „Ostblock“-Mentalität, wie Don Quijote gegen die Windmühlen. Er präsentierte Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Gris aus Ungarn, wo alle anderen Winzer noch an vergangene Zeiten dachten. Er überlegte laut – und wurde dafür durchaus angegriffen – darüber, dass Viognier eine Zukunft in Ungarn haben könnte – und – er begriff, dass es alte ungarische Marken gibt, die noch mit gutem Image in den Köpfen der Österreicher und der Deutschen verankert sind, wie das „Erlauer Stierblut“ und, dass man doch darauf aufbauen könne.
Seine Gedanken waren immer ein bisschen schneller, als die Umsetzung. Aber – hatte man einmal eine seiner Ideen notiert – irgendwann folgte das Ergebnis. Leider hab ich noch einige Notizen, deren Umsetzung jetzt vermutlich nicht erfolgen wird. Die Power, die er in den ungarischen Weinbau injiziert hat, wird sicher Nachwirkungen haben, so wie der Tropfen, der seine Kreise in einem See zeichnet. Da bin ich mir ganz sicher.
Ich weiss nicht, wie man das „ÄgÄschegÄtrÄ“ richtig schreibt, aber ich wünsche mir, dass es da drüben einen Stammtisch gibt, wo ihr alle, die ihr hier fehlt, lächelnd über diese dumme Welt, mit einem guten Achterl anstosst.
Am Ende der Seite finden Sie Links, einer davon führt zur Seite von Mario Scheuermann, den sowohl beruflich als auch privat einiges mit Tibor verband.
www.tonyaspler.com
http://drinktank.blogg.de