Wie wird denn verkostet?
Wie geht es eigentlich bei professionellen Verkostungen zu?Zuerst Redaktion, dann Reisen.
Am liebsten wäre es mir, ich würde einfach durch die Gegend fahren und jeden Tag drei Winzer besuchen, der erste hat die Übernachtung bezahlt, der zweite sponsert das Mittagessen und mit dem dritten gehe ich dann Abendessen und nachher mit allen dreien einen lüpfen.
"Jo des war schee - is aber a Schmeh." (Ludwig Hirsch)
Der Alltag sieht anders aus. Die Winzer bekommen eine Einladung uns ihre Weine zu senden. In die Redaktion. Das sieht dann ungefähr so aus: Alle diese Kartons müssen ausgepackt, sortiert, die Weine erfasst (eingetippt) werden, ev. Fassproben sofort eingekühlt werden, die Flaschen werden umhüllt und am Flaschenhals eine Nummer aufgeklebt, die später unsere Verkostungsnummer sein wird.
Unser gescheites Programm sortiert uns Flights nach Rebsorten, Alkohl oder Zuckergehalt, diese werden dann eingekühlt und laufend verkostet. Direkt vor dem Computer. Jeder verkostete Wein wird sofort eingetippt. Erst danach werden die Flaschen "ausgewickelt", erst dann wissen wir, was wir verkostet haben.
Das alles erfordert bei tausenden Weinen jährlich eine ziemlich ausgeklügelte Logistik. Denn die Weine müssen ja nicht nur eingetippt und verkostet werden, sondern wöchentlich hunderte Flaschen und Kartons auch wieder entsorgt werden. Auf dem Foto sieht man die bereitsverkosteten Flaschen eines Vormittags rechts unten im Bild.
Auf der deutschen Seite haben wir das ganz genau dargestellt: www.wein-plus.de/fuehrer/entstehung.htm und jetzt kann man sich meine deutschen Kollegen auch im Fernsehen anschaun: Hier ein Beitarg von Vinum-TV: http://www.wein-plus.de/upload/vinumtv.wmv
Und wie sieht das ausser Haus aus?
Egal, ob für eine Verkostung im Inland oder im Ausland, es läuft meist gleich ab. Man wird vom Veranstalter eingeladen und fährt oder fliegt hin. Dann checkt man im Hotel ein und bekommt einen Plan. Damit ist man die nächsten Tage eingedeckt.
Zum Beispiel hier bei der Barolo-Verkostung in Alba. In der Mitte die Sommeliers, rundherum an den kleinen Tischen, das sind wir, die Journalisten.
So sieht das üblicherweise aus: Die Flaschen sind eingepackt, man hat einen Arbeitsplatz - oft mit Anschluss aber wenig Platz für den Laptop - hat mehrere gute Gläser, die Sommeliers bringen die Weine in der gewünschten Reihenfolge. Man beginnt meist um 9 oder 10 Uhr vormittags, arbeitet konstant bis 2 oder 3 Uhr nachmittags durch, da gehen sich locker 50 - 70 Weine aus, zur Not auch mehr. Wie im Bild von der Chianti-Präsentation in Florenz, diese Menge kann man allerdings in zwei Tagen auch nicht schaffen.
Dann isst man eine Kleinigkeit, besucht ein paar Winzer in der Gegend oder haut sich aufs Ohr. Am Abend trifft man sich mit den Leuten vom Consorzio, Winzern und Kollegen beim Abendessen mit älteren Weinen aus der Region.
So erfährt man ziemlich viel und versteht auch die Probleme, man kann sich die Region ansehen und alles Mögliche verkosten und lernen.
Bei Besuchen beim Winzer kann man aber als Profi schon auch seriös verkosten, das wird einem überall ermöglicht. Meist sitzen wir auch dort in einem separierten Raum, oft gibt es eigene Verkostungsräume für Händler bzw. Journalisten, man kann sich dann auch bringen lassen, was man verkosten will. Da hat man auch Ruhe und wird nicht abgelenkt, wenn man es nicht will. Das ist nun mal anders, als wenn die "Weinfreaks" hinfahren. Man darf sich halt nicht von den erzählungen des Winzers, der genialen Jause der Grossmutter oder der bildhübschen Winzerstochter ablenken lassen.
Zum Spass. Das Foto aus San Gimignano zeigt, dass es - selten aber doch - manchmal auch anders ist: Da waren wir mitten am Hauptplatz in einem Gewölbe, draussen wurde geheiratet und die Touristen schauten uns zu, die Japaner fotografierten nach dem Campanile eben uns...
Dafür hatte ich am nächsten Tag eine Terrasse, die ich lange nicht vergessen werde, der schönste Arbeitsplatz, den ich je hatte.