Jung oder Reif.
Nicht nur eine Frage des Geschmacks.Es ist wieder Jungwein-Zeit. Landauf, landab werden Junker, Premiere, Erste Versuchung, Primus & Co. höchst erfolgreich auf den Markt geworfen. Gut so. Auf den Spuren von Beaujolais haben längst alle geschäftstüchtigen Winzer ihre Produkte placiert. Warum sollte man diesen Erfolg auch den Franzosen überlassen. Das können wir auch. Frisch und fruchtig ist die Devise.
Leider mit Nebenwirkungen. Denn kaum sind die ersten Jungweine am Markt, will niemand mehr die reifen Weine trinken. Am liebsten hätten die Gäste ja schon im November den Lagenwein aus dem Fass, während bei Bordeaux diskutiert wird, ob man ihn nun 20 oder vierzig Jahre im Keller lassen kann.
Hier gilt es gegenzusteuern. Denn die wirklich grossen Weissweine aus Top-Lagen sind oft erst nach zwei, drei Jahren wirklich schön zu trinken, wenn sie Ihre Sekundär-Aromen entwickelt haben und eventuelle Holz-Einflüsse eingebunden haben. Dann halten sie oft länger als viele Leute glauben.
Gerade haben drei Veranstaltungen aufgezeigt, wie gut österreichische Weissweine reifen können: „Grand-Cru-Styria“ in Gamlitz, eine Altwein-Verkostung der Top-Langenloiser und der Riesling-Länderkampf Österreich-Deutschland des Oberösterreichischen Sommelier-Verbandes. Bis zu 30 Jahre jung waren die Weine und zeigten sich wunderbar saftig, finessenreich und lang. Speziell die zehn- bis fünfzehnjährigen Weine brillierten in allen Regionen.
Also: Jungweine und „Klassik“ in den ersten beiden Jahren, Lagenwein aber unbedingt reifen lassen. Wie bekommen wir das in die Köpfe der Gäste? In dem wir alle zusammen Aufklärungsarbeit leisten.
Mit Verkostungen gereifter Weine, mit glasweiser Empfehlung von reifen Weinen zum passenden Gericht und wir Schreiberlinge mit viel Überzeugungsaufwand in unseren Artikeln, bei Seminaren und Veranstaltungen.
Vor allem aber müssen auch die Winzer bereit sein, einen Teil mitzutragen und zumindest einen Teil der Lagenweine erst nach angemessener Reifezeit auf den Markt bringen, denn das System kann nur funktionieren, wenn die Lagerkosten aufgeteilt werden. Und ganz ehrlich, bei den Top-Weinen erlösen wir inzwischen Preise, die das ermöglichen sollten.